Achtsamkeit und Gefühlsbetrachtung
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Gefühlsbetrachtung und Achtsamkeitsmeditation in der Sterbebetreuung

  Als kleiner Starter möchte ich gerne klären, dass ich hier keine Wahrheiten auf dem Silbertablett anzubieten habe. Wenn im Buddhistischen Kontext etwas gelehrt wird, dann ist das Grundverständnis immer Buddha’s Anweisung auf seinem Totenbett: Sei Dir selbst eine Leuchte. Was er damit sagen wollte und an anderen Stellen auslegte, ist der Grundsatz, dass er und andere Lehrer/innen Vorschläge und Thesen unterbreiten, die wir durch Innenschau für uns selbst lebendig machen und wahr werden lassen müssen. Ich hoffe, dass Ihr mit einer gesunden Balance von Offenheit und Skepsis zuhören, es mit eurem eigenen Geist vergleichen und manchmal sagen könnt: „das stimmt gar nicht für mich“, und manchmal: „wow, stimmt, das ist mir vorher noch nie aufgefallen“. Also, das Ganze ist in diesem Sinne keine Predigt, sondern eine Forschungsreise in unsere innere Welt und Wahrheit, es geht darum, mit einem Mikroskop nach innen zu schauen, wie wir funktionieren.  Im Buddhismus werden drei Basisemotionen unterschieden: angenehm, unangenehm und neutral. Diese Gefühle haben alle Wesen: Menschen, Tiere, Engel, Götter, Buddhas oder an was immer man glaubt. Sie sind überlebenswichtig und setzen Impulse für das, was wir brauchen: wenn wir müde sind, müssen wir schlafen, wenn wir uns freuen, sind wir inspiriert und können uns öffnen,  wenn wir frieren uns zudecken und wenn wir Hunger haben, etwas essen. Das Problem sind nicht die Gefühle. Was uns Schwierigkeiten macht, sind unsere konditionierten Reaktionen auf die Gefühle.  In der zweiten Edlen Wahrheit nennt der Buddha drei Ursachen von Leiden: Bhava Tanha, vi-bhava-Tanha und Kamma Tanha. Tanha bedeutet eigentlich Durst und ist dieser Drang nach dem ersehnten Wunsch. Meist wird tanha als Verlangen oder Anhaftung übersetzt. Bhava ist das sein. Wir dürsten also danach, jemand zu sein, oder in dessen Verneinung (Vi-bhava tanha) nicht zu sein. Um dieses Verlangen zu stillen begehen wir irgendwelche Taten, um zu beweisen, dass wir sind, bzw. nicht sind, das ist kamma-tanha. Ajahn Amaro hat dies für mich in einer einfachen Alltagssprache übersetzt: bhava Tanha ist alles, was wir haben und sein wollen, vi-bhava Tanha ist alles was wir nicht sein oder haben wollen und Kamma tanha ist die Art, wie wir es bewerkstelligen, dahin zu kommen. In unserem Alltag und Umgang mit der Vergänglichkeit sieht das dann folgendermassen aus: Auf angenehme Gefühle reagieren wir in der Regel damit, dass wir an ihnen festhalten, mehr davon haben möchten oder nicht wollen, dass sie vergehen. Das sofortige Resultat ist, dass auch freudvolle Augenblicke angstbeladen werden. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Umgang mit dem Sterben. Wir pflegen jemanden, oder haben selbst eine Diagnose, und heute war ein guter Tag, ohne Schmerzen. Sofort geht unser Denken: „Wenn wir mehr von diesem Mittel bekommen, wird es bestimmt noch besser. Vielleicht besteht doch noch die Hoffnung auf Heilung...“ oder wenn unser Kontrollgeist gerade das sagen hat: „tja, das war meine gute Betreuung und wenn alle es genau so machen würden wie ich, ginge es dem Patienten viel besser.“ Und vor lauter Gedanken über vermeintliche Ursachen haben wir den Augenblick der Freude miteinander verpasst und irgendwo im Hinterkopf auch Angst, es könnte morgen doch wieder so schlecht sein, wie letzte Woche.  Auf unangenehme Gefühle reagieren wir sofort mit loswerden-wollen. Wenn wir sie nicht loswerden können, versuchen wir sie wenigstens zu verdrängen. Auf keinen Fall hinschauen. Zuerst verdrängen wir sie, dann unterdrücken wir sie, bis wir keinen Zugang mehr dazu haben. Wir entwickeln Coping-Strategien, damit wir sie nicht mehr wahrnehmen müssen und die Summe unserer Strategien nennen wir dann unseren Charakter. Also zum Beispiel: wir hatten Ärger mit der Ärztin unserer Mutter. Was machen wir, wenn wir zu Hause ankommen? Kaffee und Zigarette? Mit der Freundin über die Äeztin lästern und den eigenen Standpunkt rechtfertigen? Wahnsinnig laut Musik hören? Bis zum Umfallen Fahrradfahren oder Laufen? Zeitung lesen und uns über das Tagesgeschehen aufregen (dann haben wir wenigstens einen Grund ausserhalb von uns). Einen ganz tollen Roman oder eine intellektuelle Abhandlung reinziehen? Oder: setzen wir und hin, schreiben Tagebuch, wie es uns geht, Denken die Situation nochmals durch und erlauben uns, die andere Person zu hören? Können wir fühlen, wo und warum wir eigentlich so reaktiv waren und was uns getriggert hat? Suchen wir ein Gespräch mit jemandem, der uns spiegelt, und uns hilft, klarer zu sehen? Die Trigger vergehen halt leider nicht von selbst, sondern nur, wenn wir sie erkennen und unsere Strategien ändern. Aber Trigger erkennen und heilen macht sehr frei.    Neutrale Gefühle erkennen wir in der Regel nicht. Sie passieren unseren Geist, ohne einen Eindruck zu hinterlassen. Wenn wir eher ein Ignoranztyp sind, erscheinen uns deshalb viele Augenblicke in unserem Leben als langweilig, bis zum Extrem, dass wir unser Leben als sinnlos empfinden. Das Heilmittel dagegen ist Interesse. Die gute Seite der neutralen Gefühle ist nämlich auch, dass sie noch nicht mit oben beschriebener Anhaftung oder Abwehr behaftet sind, und wenn wir wacher werden und interessierter für das, was in unserem Geist vor sich geht, kann durch diese Neutralität eine Offenheit entstehen, die uns in Kontakt mit unserer Ganzheit und Verbundenheit bringt. Nach dieser Einführung bitte nicht mit dem typisch deutschen und schweizerischen Schuldmuster reagieren: „Kacke, das mache ich immer genau so. Ich bin total unfähig, eine Versagern.“  Darum geht es überhaupt nicht. Das ist nur eine andere Strategie, um nicht fühlen zu müssen, was wir sowieso fühlen. Im Zen nennen wir das einen zusätzlichen Hut auf den Hut draufsetzen. Worum es geht, ist unsere Strategien in einer Art und Weise zu verändern, heilsam sind für uns und für die Menschen, mit denen wir Beziehungen haben. In Bezug auf die Betreuung Sterbender oder in Bezug zu unser eigenes Altern und sterben sind die Gefühle oft unterdrückt, weil wir uns hilflos fühlen. Was soll man gegen den Tod schon unternehmen? Keiner da, um mit ihm zu kämpfen, zu argumentieren, etwas auszuhandeln. Also projizieren wir das und laden unsere Angst und unseren Ärger auf andere ab.   Im Satipattana Sutta lehrt der Buddha vier Gebiete der Achtsamkeit, die auch eine logistische Reihenfolge darstellen: Die Achtsamkeit auf den Körper, auf die Gefühle (wie oben beschrieben), die Gedanken und die Geistesinhalte. Der Grund, warum diese Reihenfolge wichtig ist, ist der, dass zwischen der Gefühlsbetrachtung und den Gedanken eine Schnittstelle ist. Wie wir auf Erscheinungen körperlich und gefühlsmäßig reagieren ist primär karmisch bedingt. Die physischen und gefühlsmäßigen Reaktionen sind durch vergangene Erfahrungen reaktiv hervorgerufen. ABER: was wir daraus machen, liegt in der Zukunft und darauf haben wir einen Einfluss. Wenn wir einerseits achtsam sind und andererseits unser Herzgeist geschult ist, wir Ethik praktizieren und vielleicht noch die Vier Unermesslichen Haltungen, schaffen wir die Grundlagen, Einsicht in alte, destruktive Muster zu erlangen, sie zu heilen und durch neue, weise und liebende zu ersetzen. 
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