Unheilbar Krank???
Praxis Praxis

„Unheilbar krank“ – gibt es das?

Eine Betrachtung zu den Themen Heilen – Kurieren und Schmerzen – Leiden

Als Einleitung würde ich gerne ein auf die Themen Heilen-Kurieren und Schmerz-Leiden eingehen. Auf das Gegensatzpaar Mitleid-Mitgefühl möchte ich im Artikel über die Vier Unermesslichen Haltungen verweisen. Die Begriffe Heilen und Kurieren, sowohl als auch Schmerzen und Leiden werden in unserer Gesellschaft und selbst in den Palliativrichtlinien der WHO wechselseitig verwendet, doch wenn wir sie erforschen, sehen wir, dass die Unterscheidung essentiell wichtig ist. Wenn wir es in medizinischen Begriffen ausdrücken wollen, bedarf das Heilen anderer Behandlungsmöglichkeiten, als das Kurieren, so wie ein Zahnschmerz anders angegangen werden muss als ein Meniskusriss. In der Unterscheidung zwischen Leiden und Schmerz ist die gesamte Grundthese der buddhistischen Lehre enthalten. Dabei gibt es unter den Begriffen keine Hierarchie in der Wichtigkeit, lediglich in der körperlichen und geistigen Auseinandersetzung und ihrer Behandlung. Ich möchte die These aufstellen, dass Schmerz und Kurieren als Paar einer Methodengruppe zugeordnet werden kann, und Leiden und Heilen einer anderen. Schmerz und Kurieren sind die Hauptdomänen der klassischen Schulmedizin, Leiden und Heilen der Spirituellen Traditionen und der in modernerer Zeit auch der Psychotherapie. Um ganzheitlich zu betreuen, bedarf es die Behandlung auf allen Ebenen. Was in vielen ethnischen Gruppierungen eine Selbstverständlichkeit ist, muss von uns westlich Zivilisierten, die Jahrzehnte 100% auf Schulmedizin gesetzt haben, wieder erlernt werden, um die Würde des Krankseins, des Alterns und des Sterbens wieder anzuerkennen. Auf der anderen Seite verschafft uns diese medizinische Wissenschaft aber auch Mittel, die eine effiziente Symptombekämpfung erlaubt, wie es die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte nicht möglich war. Palliative- und Hospizbewegungen versuchen nun, in unserer Gesellschaft Strukturen zu schaffen, die eine ganzheitliche Betreuung gewährleisten und Menschen auszubilden, die dieser Aufgabe gewachsen sind. Das alleine nützt aber nichts, solange die Menschen in unserer Gesellschaft immer noch fest daran glauben, dass Krankenhäuser dafür da sind, Krankheiten und Leiden auszumerzen, so dass wir nicht damit konfrontiert sind. Jedes einzelne Mitglied unserer Gesellschaft besitzt die Verantwortung, seine Familienangehörigen undgeliebten Menschen die Würde und Autonomie zu gewähren, die sie verdient haben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und die Praxis der Herz-Geist Schulung ist dabei für mich ein Mittel, das nicht nur in unserem persönlichen Leben Erleichterung verschafft, sondern über kurz oder lang die Gesellschaft mitverändert. Nach dieser Einführung zurück zu den Praxisthemen Heilen-Kurieren und Schmerzen-Leiden. Auch für die eigenen Gesunderhaltung im Betreuungsprozess eines Familienangehörigen, geliebten Menschen oder Patienten, sind diese Unterscheidungen sehr wichtig, denn sie helfen uns bei folgenden Themen: Dem Heraustreten aus der Projektion, dem Erkennen, welche Methode die angebrachteste für die Situation ist, die eigene Ganzheit und die Heilerin in uns kennen zu lernen und aus ihrer Fülle heraus unsere Betreuung anzubieten. Alte Menschen und solche mit akuten, terminalen Erkrankungen sind oftmals schon mehrere Monate oder Jahre auf der Suche nach Heilung oder Linderung. Sie mögen ihre Hoffnung in alle möglichen Wunderheiler, Alternativmediziner und medizinische Standartbehandlungen geworfen haben, aber sie sind diejenigen, die nicht auf der Erfolgsliste der Ärzte und Heiler landen. Sie sind, krass gesagt, gesellschaftlich abgeschrieben und haben, ihr Todesurteil erhalten. Oft ist der größte Akt des Mitgefühls, die Rückversicherung, dass sie nicht abgeschrieben sind und nicht versagt haben. Irgendwie glauben wir, dass ein gesunder Körper und ein glücklicher Geist unser Geburtsrecht ist und alles, was dem nicht entspricht, ist falsch. Wenn wir das nicht fixiert bekommen, dann haben wir versagt. Dieses meist unbewussten Denkens, muss man sich erst mal bewusst werden. Ein ganz banales Beispiel: wenn wir uns krank melden wegen einer Grippe, dann läuft im Hintergrund unseres Denkens oft ein schlechtes Gewissen ab und ein rasantes Nachdenken darüber, a) wer einen angesteckt hat (Schuldigen suchen), b) wie es vermieden hätte werden können (Zuweisung von Selbstschuld) und c) ob ich krank genug bin, mich krank zu melden (Rechtfertigung). Rational bedeutet krank zu sein, dass man eine Belastung für die Gesellschaft ist. Wenn uns das schon so geht, obwohl wir wissen, dass wir nach absehbarer Zeit wieder so effizient und effektiv sind, wie es dem Standard entspricht, wie muss es dann unseren Alten und chronisch Kranken gehen? Bei sehr vielen von ihnen finden wir deshalb bei genauerem Hinschauen ein Gefühl des Versagt-Habens.     
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