Spiritual Care in der Krankenpflege
Praxis Praxis
«Fürchte dich nicht» oder Der Mut zur eigenen Verletzlichkeit, Der Mut sich den unbeantwortbaren Fragen eines Sterbenden zu stellen Wir sind keine menschlichen Wesen mit einer spirituellen Erfahrung Sondern spirituelle Wesen mit einer menschlichen Erfahrung
Als Pflegefachfrau bin ich ein spirituelles Wesen mit einer bestimmten Rolle, für eine bestimmte Zeit, in einem Team. Ich muss hochspezialisiertes Wissen haben und angemessene Methoden kennen und anwenden. Ich bin nicht diejenige, die an der unheilbaren Krankheit leidet und meine Fähigkeit mich darin einzufinden ist begrenzt. Trotzdem ist alles, was sich aus mir heraus und durch mich manifestiert, eine Verkörperung der spirituellen Einheit in Form von Körper, Rede und Geist. Als Pflegefachfrau stehe ich mit allen Sinnen an der Seite von Menschen mit einer nicht- kurierbaren Erkrankung und an der Seite ihrer Angehörigen. Viel mehr als in den anderen Disziplinen, ist die Pflege durch Körperkontakt und Übernahme von körperlichen Aktivitäten charakterisiert. Allein dadurch kommen wir den Menschen schon sehr nahe, ob uns oder ihnen das recht ist, ist manchmal keine Frage. Was Menschen uns erzählen und wie wir darauf reagieren, hat viel mit unserem eigenen Lebensstil und –weg, unserer Fähigkeit zuzuhören und unserer Ausdrucksfähigkeit zu tun. Wir alle gehen zwar mit einem bestimmten professionellen Auftrag zum Patienten, aber was er uns erzählt, ob wir zuhören und in ihren/seinen Augen angemessen reagieren, ist nochmals eine ganz andere Frage. Der Vorteil, den wir als Pflegekräfte haben, ist dass wir nicht so sehr das Autoritätsproblem von Leuten triggern, weshalb wir vermutlich oft hören: «mit ihnen kann man wenigstens normal reden.» «Normal reden» im Falle des eigenen Sterbens ist immer eine Rede über Spiritualität. Denn der Körper und der Geist sind eine Einheit und niemand versteht das so gut, wie der Mensch, der Schmerzen leidet, verstopft ist oder ständig erbrechen muss. Als Pflegefachrauen sehen und riechen wir in der Palliative Care mehr Dinge, als viele von Ihnen. Wir sehen und riechen Wunden, die für andere unter Verbänden stecken und wir sehen sie nicht nur, wir fassen sie auch an. Selbst ich war mal geschockt, dass mir der Geruch einer Krebswunde wirklich Tränen in die Augen trieb. Man versetze sich mal eine Minute lang in einen Menschen mit solch einer Wunde oder in jemanden mit einem Stoma, wo die Scheisse unkontrolliert aus dem eigenen Bauch läuft. Auch haben wir sehr viel mit dem körperlichen Intimbereich der Menschen zu tun. Ich habe mal gesagt, ich vermute, dass ausser Prostituierten und Urologen niemand so viele Penisse in der Hand hat. wie Pflegefachfrauen. Je nach dem, wie die Pflegende mit dieser Intimität umgeht, wird ihr Zugang zu der Intimität des Geistigen und Sozialen gewährt. Ich vermute sehr stark, dass wir das unbewusst steuern, wieviel Zugang wir wechselseitig gewähren. Diese Steuerung beruht meiner Ansicht nach auf der Vertrauensbasis, die jemand in uns hat und dass ist für alle Berufsgruppen gleich.
Was aber Fakt ist, alleine schon wegen der häufigeren Präsenz, ist dass diese Schulter verdammt viele Tränen mitbekommen hat. Während, vor und nach dem Todesfall eines anderen Menschen. Im TrauerCafé fragte mich neulich eine Frau, wie ich immer noch so ein fröhliches Wesen haben könne, obwohl ich den ganzen Tag um Sterbende, Tote und Trauernde rum bin. Meine Antwort hört sich etwas ironisch an, aber sie beherbergt etwas Tieferes: «Es redet niemals jemand mit mir über Fernsehshows, Mode oder eine andere Oberflächlichkeit. Es weiss eh jeder, dass ich davon keine Ahnung habe.» Mein Leben basiert auf einem Gelübde, den Sterbenden, Toten und Trauernden zu dienen. Es basiert auf der tiefen Einsicht, dass ich ein spirituelles Wesen mit einer menschlichen Erfahrung bin. Und weil meine Pflege auf diesem Menschenbild basiert, pflege ich spirituelle Wesen mit der herausforderndsten menschlichen Erfahrung, die wir kennen, nämlich dem Wissen um den eigenen Tod. In der Rolle als Arzt, Pflegefachfrau, Psychologin und Sozialarbeiterin müssen wir uns um das zu kümmern, was in dieser Situation nicht funktioniert. Im Gegensatz zur menschlichen Manifestation ist das spirituelle Wesen aber nie defizitär, es kann daran nichts versagen, nichts verfaulen und es ist 100% Mensch bis zum letzten Atemzug. Enden möchte ich mit einem Gedicht, das mich würdevolle Sterbebetreuung ausdrückt Politische Aktivität Oder die Würde des Sterbens im Kapitalismus Würde bedeutet für mich, dass da eine an meinem Sterbebett sitzt,  die mich sieht, und die mich hört, auch wenn ich nicht mehr rede.   Eine, die meine Windeln wechselt, ohne dass es mir peinlich ist, und die mir das Essen eingibt, auch wenn ich sabbere.   Eine, die mir genug Morphium spritzt, wenn ich Schmerzen habe, die mir Halt gibt, wenn ich panisch werde, und die mir nicht das Gefühl gibt, dass ich ekelhaft bin, wenn ich von innen heraus verfaule.   Eine, die mit mir rausgeht einen Kaffee trinken, wenn die Sonne scheint und manchmal einen Mohrenkopf füttert.   Eine, die den Meditationsgong schlägt hinein in die Stille meiner Bewusstlosigkeit, die in ihrer Berührbarkeit sich Selbst zu schützen weiss, und die mir liebevoll den Mund und die Augen schliesst.
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