Sterbehilfe
Praxis Praxis

 „Wenn ich nicht mehr will, will ich nicht mehr wollen müssen“

(Auszug aus dem Buch “Geschichten intimer Beziehungen”) Ungefähr so heikel wie das Thema mystische Erfahrung ist das Thema Suizid in der Sterbebetreuung, nur ganz anders und von ganz anderen Leuten. Da treffen die Spirituellen auf die Rationalisten und irgendwie scheint es oft schwierig zu sein, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wenn es um den assistierten Suizid geht, dann wird oft so getan, als ob der im luftleeren Raum nur jene betrifft, die assistiert Sterben, eventuell noch jene, die bei der Ausführung helfen. Aber sobald man beginnt sich sprachlich zu empören und die betreuenden Angehörigen und Professionellen Emotionen kommunizieren, wird es gleich spannungsgeladen. Meiner Ansicht nach ist dies in zwei unterschiedlichen, mehr oder minder bewussten Einstellungen begründet. In unserer effizienzorientierten westlichen Welt scheint es nur natürlich, dass man sich selbst entsorgt, wenn es an der Zeit ist. Das begründen wir mit dem Argument, wenn man den Werten der Gesellschaft nicht mehr entspricht, ist man wertlos. Wenn man mehr kostet, als zum BIP beiträgt, ist man buchhalterisch eine Last. Diese rationale Argumentationsführung über das Leben passt zu unserem kapitalistischen Verständnis  so sehr, dass Menschen sich das kaum ausreden lassen, wenn sie mal angefangen haben, es zu glauben. Das ging neulich soweit, dass mir ein Mensch sagte, dass man Schwerverbrechern anstatt der Todessstrafe das Exitgift in die Zelle stellen sollte, damit sie sich das Leben nehmen können, wenn sie möchten, denn für die Gesellschaft sind sie ja eh nur eine Belastung und kosten Unmengen. Ab wann ist der Mensch unserer Gesellschaft weniger wert als er kostet? Was verstehen wir unter Demokratie? Verantwortung für das Leben, Toleranz und Menschenwürde, oder Kapitalismus und das Recht des Stärkeren? Inwieweit definiert dann der Kapitalismus unsere Wertigkeit von Leben? Diese unbeantwortbaren Fragen machen mir bei unserem Umgang mit assistiertem Suizid Sorgen. Ist ein Mensch weniger wert, wenn er geistig oder körperlich behindert ist? Wenn er süchtig ist? Wenn er aus der Heimat flüchten musste? Wenn er homosexuell ist? Wenn er Krebs hat, alt ist, psychisch oder physisch behindert? In jedem Genozid wird sehr genau definiert, wer etwas wert ist und wer nicht lebenswert ist. Im Nazideutschland, in Ex-Jugoslawien, in Ruanda und auch jetzt in den Gebieten der fundamentalistischen Sektierer des IS. Im Kapitalismus geht das subtiler, aber dass sich Menschen das Leben nehmen möchten, weil sie sich aus obigen Gründen nicht mehr wert fühlen zu leben, ist erschütternd und der Grund, warum man in Deutschland sehr zurückhaltend ist und sein sollte, wenn es um assistierten Suizid geht. Die zweite Einstellung, die für uns für den assistierten Suizid spricht, ist unser Verständnis und unsere Idealisierung von Autonomie. Geht man nach Sartre und Kant, wird uns ein komplett freier Wille unterstellt und dieser Freiheit wird die Wertigkeit „gut“ zugeschrieben.  Geht man aber nach den Hirnforschern, unserer neuesten Religion, entscheidet am Ende das Limbische System in unserem Gehirn darüber, was wir tun. Diese Entscheidung ist gefühls-, nicht verstandesbasiert. Egal wie wir es später verstandesmässig rechtfertigen, entschieden haben wir aufgrund von dem, was wir als „emotional akzeptabel“ erachten. Der deutsche Philosoph Richard David Precht führt diese beiden Argumente so zusammen, dass er sagt, Gefühle sind lernfähig und dieses Lernen hat etwas mit dem Verstand zu tun. Zurück zu der Entscheidung, uns die Freiheit zuzugestehen, dann zu sterben, wenn wir es wollen. Dies bedeutet mit dem obigen Argument, dass wir uns für den Tod entscheiden möchten, wenn wir das Leben emotional nicht mehr akzeptabel finden. Was wir darunter verstehen, begründet sich auf Erfahrungen, die wir gemacht haben. Da wir an unserem eigenen Körper die Erfahrung des Sterbens aber nicht kennen, begründet sich die Akzeptanz –oder nicht-Akzeptanz- auf Eindrücke, die wir gesammelt haben, entweder in der direkten Beziehung mit Sterben oder den gesellschaftlichen und medialen Einflüssen. Die allerwenigsten Menschen in unserer Gesellschaft haben schon mal jemanden anderen im Sterben begleitet. Für jene, die es taten, waren es meist die Eltern oder andere enge Verwandte. Sterben findet zu über 70% hinter verschlossenen Türen statt, in Pflegeheimen, auf Intensivstationen usw. Auch jene, die Sterbende betreuen, tun dies meist nur in einem dezidierten Umfeld. Auch ich, die schon hunderte Menschen im Sterben betreut hat, sah noch nie jemanden in Kriegssituationen, in Pflegeheimen oder nach Autounfällen sterben. Ich kenne lediglich das Sterben auf Intensivstationen, auf Operationstischen, in einem Veteranenhospital in den USA, auf Palliativstationen und durch spezialisierte Palliativmedizin betreut das Sterben zuhause. Ich weiss, welche Möglichkeit ich davon wählen würde und welche ich nicht wollte, aber weder das eine noch das andere unterliegt meiner Kontrolle. Unsere selbstbestimmte Entscheidung, wann wir emotional das Leben nicht mehr akzeptabel finden, ist also grösstenteils fremdbeeinflusst oder einseitig auf Erfahrung begründet. Wirklich frei ist die Entscheidung dadurch aber noch lange nicht. Wir sollten daher das Kind eher bei seinem richtigen Namen nennen: Wir wollen es einfach nicht darauf ankommen lassen und die Kontrolle behalten. An dieser Stelle möchte ich (- im Buch) die Geschichten von zwei Frauen erzählen, für die geplanter Suizid emotional akzeptabler war, als weiter zu leben, die die Kontrolle behalten wollten und die ich dabei begleiten durfte. -Ende Buchauszug- Hier noch anfügen möchte ich ein Gedicht, das ich für die erste jener beiden Rauen schrieb: Der Wunsch zu sterben Wie eng muss der Raum werden, in dem wir eingesperrt sind, bevor wir es nicht mehr aushalten? Die Zäune in Auschwitz? Der Abbau unseres Körpers durch MS? Wenn die einzige Kontrolle über unser Leben Noch die ist, es uns zu nehmen Wie gross ist dann die Versuchung Nach dem erlösenden Starkstrom Der erlösenden Pille Barbital? Müssen wir uns damit selbst beweisen, dass wir doch Kontrolle haben, auch wenn es nur noch die Freiheit ist uns selbst zu töten? Hinter dem Zaun gesessen und eine Stunde mit ihr über Exit geredet Wie könnte ich auch nur wagen zu sagen Ich habe eine Ahnung von dieser inneren Not?
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