Wer bin ich und wer bist Du?
Praxis Praxis

Selbstreflektion in der Betreuung Kranker und Sterbender

Wer bin ich und wer bist du?

Gehen wir als Fallbeispiel mal davon aus, dass dein Vater mit einer Krebsdiagnose in der Lunge konfrontiert ist. Eigentlich weißt du von der Jugend und Kindheit deines Vaters recht wenig, denn er redet nicht darüber, was während dem Krieg oder kurz danach passiert ist. Genauso wenig, wie er über die Emotionen seiner Kindheit redet, redet er über seine Emotionen in Bezug auf die Diagnose. Er hatte schon diverse Chemotherapien hinter sich, unter denen er körperlich offensichtlich litt, aber auch darüber redete er nicht sehr viel. Langsam werden aber die Symptome so stark, dass er mehr Pflege braucht. Die Mutter, auch schon sehr betagt, kann beinahe nicht mehr, aber das würde sie auf keinen Fall zugeben, denn er ist schließlich der Kranke und braucht nun die Aufmerksamkeit. Du regst dich über den Vater auf, der keine Rücksicht auf die Mutter nimmt, hast aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil es ihm ja schlecht geht. Du regst dich auch über die Mutter auf, weil sie ihm keine Grenzen setzt. Und von deinem Bruder fühlst du dich total im Stich gelassen, denn der macht sich wie immer aus dem Staub. Das würdest du auch gerne tun, aber du hast schließlich das größere Verantwortungsbewusstsein und deine Praxis als Buddhistin würde dir das auch nicht erlauben. Außerdem willst du ja das Beste für deinen Vater und deine Mutter und das ist...... Diese oder ähnliche Variationen sind der Alltag von Familien, die mit dem Sterben direkt konfrontiert sind. Nimm mal ein Blatt Papier und schreibe genau auf, was gerade deine Familiensituation ist, wer ist der/die Kranke, wie verhalten sich die anderen Familienmitglieder, wie urteilst du darüber? Früher oder später wird dir dabei aufgehen, dass es immer um folgendes Dreieck geht: Meist haben wir in unserer Familie eine Hauptidentifikation und meist sehen wir auch heute noch mit kindlichen Augen, wer von unseren Eltern der Täter und wer der Retter ist. Alte Kindheitsverletzungen, in denen wir mehr oder minder bewusst uns noch als Opfer empfinden, müssen aber durch die neue Situation verdrängt werden, da wir nun die Eltern retten müssen. Wenn die sich aber nicht von uns retten lassen wollen, weil sie eine andere Idee von ihrem Leben haben, dann fühlen wir uns sofort wieder als das Opfer, weil sie unseren guten Willen –mal wieder- nicht honorieren. Sie sich übrigens meist auch, weil wir ihnen unsere Idee ihres Lebens aufdrängen wollen. Wenn wir mehr zu Schuldgefühlen neigen, sehen wir uns auch als Täter, weil wir nun unseren Eltern unsere Pflege aufdrängen müssen. Interessant ist, dass wenn wir in der Pflege professionell arbeiten, sind wir in genau dem gleichen Schema gefangen. Dann projizieren wir halt die Mutter oder den Vater auf den Patienten, die Ärzte, die Kollegen usw. und agieren da unsere Identifikation aus. Das einzige was hilft, ist hinzuschauen und zu unterscheiden lernen, was bin ich und was ist der/die andere. Das heisst erwachsen werden und Verantwortung übernehmen, aber auch frei werden und damit glücklicher.

Unbewusste Erwartungen

Nun mein Lieblingsbeispiel, weil ich da auch immer drauf reinfalle: Stelle Dir vor, deine Mutter ist 80 Jahre alt und wird zunehmen älter und gebrechlicher. Sie kann nur noch begrenzt gehen, ist sehr sturzgefährdet und die Entscheidung steht an, 24 Stunden Betreuung oder Pflegeheim. Sie kann nicht mehr kochen und ihre Zähne sitzen nicht mehr fest, sie kann nicht mehr essen, was sie früher mochte. Im Kopf ist sie noch ganz klar, aber sie ist abwechselnd nörgelig, stur, ärgerlich, weinerlich und verleugnet ihre Situation so gut es geht. Du ärgerst dich jedes Mal, wenn sie sich über irgendeine Lappalie beschwert, die ihren Gesundheitszustand anbelangt, den du doch eigentlich ganz o.k. findest - für ihr Alter. Wenn du dich richtig ärgerst, fährst du ein Argument an wie: „Frau B. ist erst 50 und kann wegen ihrem Rheuma schon seit zehn Jahren nicht mehr laufen.“ Oder „Herr K. ist 60 und hat Alzheimer, sei froh, dass du noch denken kannst.“  „weißt du wie viele Kinder behindert auf die Welt kommen und an den Rollstuhl gefesselt sind?“ Und so weiter, du kannst Dir deine Variante aussuchen. Jetzt überleg dir mal, du bestellst im Restaurant eine Pizza Hawaii und die Bedienung bringt dir Spagetti Carbonara. Du leidest drunter, weil du dich den ganzen Tag auf den Feierabend und die Pizza gefreut hast. Auf deine berechtige Beschwerde sagt die Bedienung: „seien Sie froh, dass sie überhaupt essen können, jeden Tag verhungern 10000 Kinder auf der Welt.“ Wie würdet ihr darauf emotional reagieren? Warum verlangen wir von unseren Eltern, dass sie darauf anders reagieren? Weil wir die Erwartung haben, dass sie glücklich und zufrieden ihre Altersbeschwerden und ihr Sterben akzeptieren und uns keine Scherereien machen. Aber der Verlust von Fähigkeiten, Autonomie, Kontrolle über das eigene Leben und den eigenen Körper tut weh. Wenn wir dafür Mitgefühl entwickeln können, wie viel Menschen die alt werden, krank sind und sterben eigentlich abgeben und akzeptieren lernen müssen, dann verdient das unseren Respekt. Meinen auf jeden Fall, denn Autonomie und Kontrolle über mein Leben steht auf meiner Prioritätenliste an erster Stelle. Wenn wir unseren alternden Eltern mit Neugierde ab der Art ihres Leiden entgegenkommen können, hört dieses Gezerre auf, dass sie uns beweisen müssen, dass sie wirklich leiden und wir ihnen, dass sie keinen Grund dazu haben.  
weiter weiter
google52a50f8b3dbb90b1.html