Wer steht dahinter? Evi
Viele Menschen, die mit buddhistischen Methoden auf der Suche danach sind, wer sie sind und was das Leben bedeutet, finden sich irgendwann nicht mehr in den überlieferten Wegen der drei großen Linien, selbst wenn sie deren Übungen von Herzen lieben und täglich praktizieren. Auch mir ging es so und deshalb möchte ich hier meinen Weg mit allen seinen Höhen und Tiefen und ohne Idealisierung aufzeigen. Es hilft meiner Erfahrung nach nichts, zu denken, wenn wir die richtige Lehrerin gefunden haben.... Wenn wir die eine Praxis für uns gefunden haben...., wenn wir die Sangha gefunden haben, die zu uns passt, dann..... So funktioniert Zuflucht nicht. Zumindest hat sie bei mir so nicht  funktioniert. Erwachen als Zustand zu idealisieren, in dem alles nur noch Friede und Freude ist, ist Leiden. Wir scheinen da irgendwie durch zu müssen :) Ich übe Buddhismus seit 1995. Während diesen Jahren übte ich mit guten LehrerInnen aller drei großen Traditionen. Ich war zehn Jahre im Zen Buddhismus ordiniert und lebte davon acht Jahre unter strengem Training in einen Zentrum in Amerika. Ich habe zwei gescheiterte Lehrerinnen-Beziehungen hinter mir und zweifle oft daran, ob in religiösen Organisationen der Geist des Erwachens oder der Erhalt der Linie  im Zentrum steht.  Und doch vergeht kein Tag ohne Meditation, kaum ein Sonntag ohne stundenlange Praxis und kaum ein Urlaub ohne Retreat. Das Zentrum meiner Stadtwohnung ist ein Meditationsraum und der Buddha in der Küche bekommt selbstverständlich etwas ab, wenn ich esse. Aber mein Leben ist nicht nur Askese, sondern ein Gelübde zu dienen. Das Ideal des Zen ist nicht das Erwachen in der Höhle, sondern das Erwachen zurück auf den Marktplatz zu tragen. Mein Marktplatz sind die Sterbenden und die Trauernden unserer Gesellschaft. Es sind aber auch meine FreundInnen, meine KollegInnen, jene, die mich mögen und jene, denen ich auf den Wecker gehe. Mein Marktplatz sind die Freuden und Leiden meines Lebens und des Lebens derer, mit denen ich es teile. Auf diesem Marktplatz zu üben ist für mich der Weg der Bodhisattvas und der ist jeden Augenblick neu. Auch ich idealisierte die Ordinierten, meine Robe war wie meine zweite Haut. Irgendwann habe ich erkannt, dass sie meinem Buddha-Weg im Weg steht und ich sie ablegen muss, um nackt auf dem Marktplatz des Lebens zu dienen. Puh, grade noch mal die Kurve bekommen. Meine Übung ist das einfach Sitzen. Nein, kein Shikantaza. Auch wenn wörtlich meist so übersetzt, ist mir das zu heroisch, heldenhaft patriarchal. Zazen ist einfach sitzen. Alles andere ist extra. Meine Übung ist auch die Liturgie. Ein Misch von Rezitationen aller drei Traditionen im Zen Stil oder die Speisung der hungrigen Geister im „Tor des Süßen Nektar“ am Sonntag. Eine Gelegenheit zu beten für jene, deren Leiden mein Leben berührt und um Hingabe an genau dieses Leben zu üben -weil ein anderes gibt es nicht. Und ich übe auch zu Singen und zu schnell Auto zu fahren, ungeduldig zu sein und Gedichte zu schreiben, Trauernden Kreisgespräche anzubieten und stinkesauer zu sein, weil im Auschwitzretreat was anderes passiert, als ich will. Aber meine liebste Übung ist mittlerweile, mich trotz all dieser Gegensätze bedingungslos zu lieben. Seither ist es auch einfacher, andere zu lieben. Ich danke dem Buddha von Herzen, dass er vermutlich so stur war wie ich, aber sich nicht draussbringen lies und Antworten auf seine Fragen suchte, obwohl es bis dahin in seiner Gesellschaft so niemand vorgelebt hatte und er nicht wissen konnte, ob es funktioniert. Ich danke Dogen Zenji für den Genjokoan, dem Leitgedicht meines Lebens und für mich eine der weisesten Schriften, die ein Mensch je geschrieben hat. Ich danke meinen Lehrerinnen und Lehrern, die mir ermöglicht haben, die Welt auf eine Art sehen zu lernen, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich danke auch jenen von ihnen, mit denen die Beziehung gescheitert ist. Anders hätte ich es wahrscheinlich nicht kapiert. Mit gefalteten Händen Evi
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